SCHÖPFERKRAFT

Vor einigen Tagen habe ich einen Beitrag gehört, da ging es um das Thema Schöpferkraft. Also darum, dass wir alle auf eine wundersame Art und Weise Gestalterinnen und Gestalter unserer eigenen Lebenswelt sind. Diese Behauptung  steht jedoch dem weitverbreiteten Gefühl gegenüber, ohnehin keinen Einfluss auf die Geschehnisse dieser Welt zu haben, vielmehr nur ein kleines Rädchen im Getriebe einer riesigen Machtmaschine zu sein. Ich muss gestehen, dieses Gefühl ist mir kein unbekanntes. Aber wenn ich beginne es zu hinterfragen, ergibt sich sehr schnell ein anderes Bild.

Wir verknüpfen Macht sehr häufig  mit Geld, mit einflussreichen Positionen, mit Politik. Selten verbinden wir sie mit unserem eigenen Handeln, damit, wie wir uns selbst in diese Welt einbringen. Wie wir auf Menschen zugehen, mit welcher inneren Haltung. Wertschätzend. Abwertend. Urteilend. Aufbauend. Liebevoll. Vielleicht ermutigend?

Hast du dir schon einmal überlegt, WIE machtvoll jede einzelne deiner Gesten, jedes einzelne deiner Worte, jede Berührung, jedes Lächeln, jeder Blick, jedes NICHT-Handeln  ist? Hast du dir schon einmal bewusst gemacht, dass jede einzelne deiner – scheinbar unbedeutenden –  Handlungen, das Potenzial in sich trägt, den Tag, manchmal sogar das Leben, eines anderen Menschen, massiv zu beeinflussen?

Oder ist es dir noch nie passiert, dass ein einziges, unbedachtes Wort deines Gegenübers, dir deinen Tag vermiest oder umgekehrt, ein herzliches Lächeln deinen Tag unendlich schöner gemacht hat? Dass eine liebevolle Berührung  oder eine wertschätzende Geste eines Menschen, etwas in dir, vielleicht sogar für immer, verändert hat?

Warum sollte das umgekehrt nicht der Fall sein? Warum sollten deine Worte, deine Gesten, deine Berührungen, weniger Kraft haben? Warum sollte es keine Auswirkungen haben, wenn du einem Menschen freundlich begegnest? Warum sollte es keine Auswirkung haben, wenn du dich im Leben klar positionierst?

Ich habe Geschichten von Menschen gehört, die ihr trauriges Vorhaben, sich das Leben nehmen zu wollen, aufgegeben haben, nur weil sie im richtigen Moment, auf einen Menschen getroffen sind, der ihnen auf Augenhöhe und mit Freundlichkeit begegnet ist. In einem Fall wurde die Abwärtsspirale einfach nur dadurch durchbrochen, dass jemand mit dem Auto stehen geblieben ist und dem Mann mit einem aufmunternden Winken gedeutet hat, dass er beruhigt über die Straße gehen kann. Dieser Menschlichkeitsfunke hat genügt, um seinen Lebenswillen wieder zu entfachen.

Oder die Geschichte von einem obdachlosen Menschen, der wieder Halt in seinem Leben gefunden hat, nur weil ihm ein Mann in Anzug und Krawatte die Türe aufgehalten hat. Diese Geste der Wertschätzung hat gereicht, um ihm die Kraft zu geben, wieder im Leben Fuß zu fassen.  

Machtlos? Vielleicht wird es Zeit, dass wir uns der schier unendlichen Schöpferkraft gewahr werden, die in uns steckt. Man könnte nämlich eigentlich glatt vor Demut in die Knie gehen, ob des Machtpotenzials, das uns verliehen und ob des Vertrauens, das in uns gesetzt wurde, richtig damit umzugehen. Jede unserer Handlungen ist eine kreative Machtexplosion, die erheben, oder zerstören kann.

Das muss erst einmal verdaut werden. Das bedeutet nämlich auch, dass wir Verantwortung tragen. Für uns und für andere. So gesehen scheint es leichter, sich einfach schwach zu fühlen. Die Macht den anderen zu überlassen. Ich denke, der Schein trügt. Ich will mir meiner Macht bewusst werden. Jeden Tag ein bisschen mehr. Ich muss nämlich gestehen, ich habe die Tragweite dieser Erkenntnis noch nicht ganz erfasst. Und ich spüre, es ist wichtig, jetzt ganz liebevoll mit mir umzugehen. Es sickern zu lassen.

Auch den Schmerz darüber zuzulassen, dass ich dieses innere Wissen in mir so lange unterdrückt habe. Es fühlt sich an, als wären die Karten neu gemischt. Und ich würde lügen, wenn ich behaupte, ich habe keine Angst vor diesem neuen Spiel. Meine Angst wird nur von einem anderen Gefühl übertrumpft. Von dem Gefühl, endlich zu Hause anzukommen.

Text: Silvia Mathilde Franz

„Unsere tiefste Angst ist nicht, dass wir unzulänglich sind.

Unsere tiefste Angst ist, dass wir unermesslich machtvoll sind.

Es ist unser Licht, das wir fürchten, nicht unsere Dunkelheit.

Wir fragen uns: Wer bin ich eigentlich, dass ich leuchtend, hinreißend, talentiert und fantastisch sein darf?

Wer bist du denn, es nicht zu sein?

Du bist ein Kind Gottes.

Dich selbst klein zu halten, dient der Welt nicht.

Es hat nichts mit Erleuchtung zu tun, wenn du dich kleiner machst, damit andere um dich herum sich nicht verunsichert fühlen.

Wir sollen alle strahlen wie die Kinder.

Wir wurden geboren, um die Herrlichkeit Gottes zu verwirklichen, die in uns ist.

Sie ist nicht nur in einigen von uns; sie ist in jedem Einzelnen.

Und wenn wir unser eigenes Licht erstrahlen lassen, geben wir unbewusst anderen Menschen die Erlaubnis, dasselbe zu tun.

Wenn wir uns von unserer eigenen Angst befreit haben, befreit unsere Gegenwart andere ganz von selbst.”

Diese Zeilen wurden bekannt als Nelson Mandelas Antrittsrede, die er nach seiner Haftentlassung, vor einer jubelnden Menschenmenge, hielt. Verfasst wurden sie von Marianne Williamson.

Post Author: Silvia